Heute war es wieder mal so weit: mein Bogenhaar war bis auf den letzten Büschel aufgebraucht und ganz feierlich bereite ich den nächsten Schweif zum Oeffnen vor. Denn dieses Ritual nimmt man besser nicht auf die leichte Schulter. Schon mancher eilige Geigenbauer hat sich im eigenen Bogenhaar verstrickt und endete mit einem Knäuel von unbrauchbar gewordenen Haaren vor seiner Unvorsichtigkeit.
Ich verwende nur mehr mongolisches Hengsthaar und kaufe das Haar gerne in ganzen Schweifen ein. Das tönt so, wie wenn dieser Bund gleich am Stück vom Pferd weggeschnitten worden wäre, dem ist aber nicht so. Es ist auch äusserst unklug, hinter ein Pferd zu stehen und keinen Respect zu zeigen !!! Nein, diese Schweife werden von geschickten Mitarbeiter nach vielen Behandlungsschritten zu Schweifen gefasst und mit wunderschönen Bindungen zu Bündeln von meistens 500 Gramm geschnürt.
Die Mongolei hat sich als sehr zuverlässiger und fähiger Lieferant erwiesen. Die stolzen Mongolen lassen ihre Pferde das ganze Jahr draussen, Stallungen sind kaum bekannt. Die ebenso stolzen Tiere, bekannt für ihre Ausdauer und Zähigkeit, entwickelten über all die Generationen eine Resistenz gegen Kälte und Wetter und ihr Schweifhaar ist von bester Qualität, sehr elastisch und belastbar. Zur Verwendung als Bogenhaar eignen sich allerdings nur die Hengsthaare, da die Schweife der Stuten anatomisch bedingt durch ihr Urin benetzt werden und somit sehr spröde sind.
Das Haar weist an seiner Wurzelseite eine klarere Farbe und Festigkeit auf. Die Haarspitzen hingegen sind eher gelblich und manchmal etwas gespalten. Deswegen sucht der geschickte Geigenbauer auch, den schwächeren Haarteil wann immer zu kürzen und die stärkere Seite als Ansatz zu verwenden. Deswegen wird der Bund an den Haarspitzen mit Leim gebunden und mit einer Schraub-Bride gesichert. Eine Hakenschraube zum Aufhängen wird eingesetzt, auch um den Bund aufhängen zu können und immer griffbereit zu haben.
Erst jetzt wird die erste Bindung gelöst. Vorsichtig löst man das schöne Garn von unten nach oben zur Schraube hin, Bindung um Bindung. Mit jeder weiteren Bindung fällt das Haar wie in einer Kaskade aus purer Eleganz auf das schwarze Tuch und erinnert an den Stolz des Hengstes, der durch die Weite der Tundra streift. Dies ist auch für mich jedesmal ein ganz besonderes Erlebnis, verbunden mit Bewunderung um die Wunder der Natur und dem Respect vor diesen herrlichen Tieren.
Doch auch die schönsten Träumereien über ferne Länder enden in der Realität. Ein Bogen muss heute noch fertig werden. Sorgfältig messe ich 12 Gramm für einen Bassbogen ab, binde ihn an und schneide ihn ab. Auf der Feinwaage kontrolliere ich das Gewicht. Aus diesem Schweif kann ich etwa 40 bis 42 Bögen behaaren, das reicht knapp für ein Jahr, dann bereite ich den nächsten Schweif vor. Ich freue mich schon jetzt…
In diesem Sinne, viel Spass und bis gleich wieder mal hier auf meinem Kontrabassblog oder auf meiner Website www.kontrabass.ch
Giorgio Pianzola, Kontrabass Paradies, das Spezialgeschäft für Kontrabass in Bern seit 1984
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